Schlüssel verlegt

Zur Generalprobe konnte man das Olympiastadion nicht nutzen. Es war abgesperrt und niemand hatte den Schlüssel.

Fünf Wochen vor den Olympischen Spielen 1972 sollte das neue Münchner Olympiastadion seine Generalprobe bestehen. Vom 20. bis 23. Juli fanden dort die Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften statt. Die Sportler sollten sich an die Wettkampfstätten gewöhnen, die Organisatoren ihre Abläufe testen und die Technik beweisen, dass sie olympiareif war. Doch bereits beim Betreten des Geländes zeigte sich: Bis zur Eröffnung gab es noch einiges zu tun.

An einer der Fußgängerbrücken war ein Tor verschlossen. Eigentlich kein Problem, schließlich gibt es für solche Fälle Schlüssel. Nur konnte niemand den passenden finden. Am Ende musste die Polizei anrücken und das Schloss knacken. Ein denkbar praktischer Einbruchsschutz: Nicht einmal die Veranstalter kamen hinein.

Auch im Stadion lief nicht alles rund. Programme waren teilweise falsch geheftet, Ergebnislisten enthielten Fehler und der Zeitplan geriet durcheinander. Die Athleten mussten in der Sommerhitze teilweise lange auf ihre Einsätze warten. Journalisten beklagten sich zudem, dass die Ordner sie allzu energisch von den Sportlern fernhielten.

Die Presse war wenig begeistert. Die Wochenzeitung DIE ZEIT berichtete am 28. Juli ausführlich über die zahlreichen Pannen und erinnerte an eine alte Theaterregel: Auf eine schlechte Generalprobe folgt eine gute Premiere.

Immerhin hatte die Veranstaltung ihren eigentlichen Zweck erfüllt: Probleme sichtbar machen, bevor es ernst wurde. Und das neue Stadion bewies schon damals, dass es nicht nur sportliche Höchstleistungen hervorbringen konnte, sondern auch organisatorische Herausforderungen.

Author: TS

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