Drei Bände für die Ewigkeit

Wer sich fragt, wie viel Arbeit hinter 16 Tagen Olympia steckte, bekommt die Antwort auf 1.180 Seiten und 5,1kg.

Die Olympischen Spiele von München 1972 dauerten gerade einmal 16 Tage. Ihre Planung und Vorbereitung hingegen sechs Jahre. Wer wissen möchte, was in dieser Zeit alles geschah, braucht etwas Geduld und ein stabiles Bücherregal. Denn das Organisationskomitee hielt die Geschichte der Spiele auf insgesamt 1.180 Seiten fest. Verteilt auf drei großformatige Bücher mit dem schlichten Titel „Die Spiele“.

Der erste Band, „Die Organisation“, widmet sich auf 400 Seiten allem, was nötig war, damit die Spiele überhaupt stattfinden konnten. Von der Finanzierung über Eintrittskarten, Verkehr und Unterkünfte bis zur Pressearbeit und dem berühmten Erscheinungsbild von Otl Aicher. Auch das Attentat auf die israelische Mannschaft und die Sicherheitsorganisation werden behandelt. Es ist ein faszinierender Blick hinter die Kulissen einer Veranstaltung, die München innerhalb weniger Jahre veränderte.

Band zwei, „Die Bauten“, ist mit 216 Seiten der dünnste, aber nicht weniger eindrucksvoll. Er dokumentiert die Entstehung des Olympiaparks, der Sportstätten und des Olympischen Dorfs. Zahlreiche Fotografien, Zeichnungen und Pläne zeigen, wie aus dem ehemaligen Oberwiesenfeld eine der außergewöhnlichsten Sportanlagen der Welt wurde.

Der dritte Band, „Die Wettkämpfe“, ist mit 564 Seiten der umfangreichste. Er dokumentiert die sportlichen Ereignisse, Ergebnisse und Rekorde der Spiele. Während die ersten beiden Bände in getrennten deutschen, englischen und französischen Ausgaben erschienen, ist dieser Band dreisprachig.

Band 1 von „Die Spiele“ / Links: Deutsch / Mitte: Englisch / Rechts: Französisch

Wie akribisch die Organisatoren vorgingen, zeigt sich besonders in den Details. So wird nicht nur der Verkauf der Eintrittskarten beschrieben, sondern auch, wie diese gegen Fälschungen geschützt wurden: mit Wasserzeichen, Metallstreifen und speziellen Druckmustern. Selbst die Unterbringung jugendlicher Besucher bekommt eigene Kapitel über Schlafplätze, Verpflegung und medizinische Versorgung. Offenbar sollte auch die letzte Isomatte ihren Platz in der Olympiageschichte finden.

Nicht weniger penibel geht es bei den Bauten zu. So erfahren wir, dass im späteren Hochschulsportzentrum 61 Redaktionsräume mit jeweils 20 Quadratmetern eingerichtet wurden. Für die Filmentwicklung standen zwei Maschinen bereit, jede mit einer Grundfläche von einem mal acht Metern. Damit die Mitarbeiter sie bedienen konnten, wurden eigens 50 Zentimeter hohe Holzpodeste gebaut. Auch das ist dokumentiert. Wer also schon immer wissen wollte, wie hoch man 1972 stehen musste, um olympische Filme zu entwickeln: Die Antwort steht in Band zwei.

Auch äußerlich sind die Bücher typisch für München 1972: großformatig, aufwendig gestaltet und mit farbigen Leineneinbänden versehen. Die Gestaltung entstand im Umfeld des Designteams von Otl Aicher. Die drei Bände erschienen 1974 im proSport-Verlag und wurden gemeinsam in einem schlichten weißen Schuber ausgeliefert.

Heute sind die Bücher nicht nur eine Fundgrube für Olympia-Fans, sondern auch ein Stück Designgeschichte. Mit etwa 5,1kg (inkl. Schuber) durchbrechen sie nicht nur das ein oder andere Bücherregal. Sie reißen auch ein Loch in den ein oder anderen Geldbeutel. Bei eBay & Co findet man die drei Bände hin und wieder zu Preisen ab 150€ aufwärts.

Wer keinen Platz im Regal hat, findet die vollständigen Berichte inzwischen auch digital auf der Webseite des Olympischen Museums:
https://www.olympic-museum.de/o-reports/olympic-games-official-report-1972.php

Den einzigen uns bisher bekannten Fehler hat der Olympia-Sammler Thomas entdeckt. Auf Seite 137 in Band 1 steht unter einem Bild „Blick auf die Terrassenwohnanlagen des Olympischen Dorfes der Männer.“ Das Foto zeigt jedoch Wohnungen der Pressestadt.

Author: TS

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