GOLYM statt Google

1972 gab es statt Google GOLYM. Eine Datenbank die man fragen konnte und bei der ein Mensch antwortete.

Wer heute wissen möchte, wann der nächste Wettkampf beginnt, wie viele Medaillen ein Sportler gewonnen hat oder wo eine Veranstaltung stattfindet, fragt einfach sein Smartphone. 1972 gab es weder Google noch Smartphones. Aber es gab GOLYM. Ein elektronisches Informationssystem, das bei den Olympischen Spielen in München Fragen beantworten konnte. Und das zu einer Zeit, als Computer noch ganze Räume füllten.

GOLYM war eine computergestützte Datenbank rund um die Olympischen Spiele. Gespeichert waren Informationen über die teilnehmenden Sportler, das Rahmenprogramm und sogar die Geschichte früherer Olympischer Spiele. Wer etwas wissen wollte, konnte eine der 72 Auskunftsstellen aufsuchen, die über die Sportstätten, das Pressezentrum und die Münchner Innenstadt verteilt waren. Selbst in Augsburg und Kiel, wo ebenfalls olympische Wettkämpfe stattfanden, gab es entsprechende Terminals.

Allerdings funktionierte GOLYM nicht ganz so bequem wie eine heutige Suchmaschine. An den Auskunftsstellen saß jeweils ein Mitarbeiter vor einem kleinen Siemens-Bildschirm. Er nahm die Frage entgegen, gab eine entsprechende Anfrage über die Tastatur ein und teilte dem Besucher die Antwort mit. Ein Computer zum Fragenstellen, allerdings noch mit menschlicher Benutzeroberfläche.

Die eigentliche Rechenarbeit erledigten zwei Großcomputer vom Typ Siemens 4004, die auf dem Siemens-Gelände im Süden Münchens standen. Über Datenleitungen waren die Auskunftsstellen mit dem zentralen System verbunden. Für die damalige Zeit war das eine beachtliche technische Leistung, schließlich war der Zugriff auf entfernte Datenbanken noch alles andere als selbstverständlich.

Dabei darf man GOLYM nicht mit dem eigentlichen Wettkampf-Computersystem verwechseln. Dieses arbeitete mit drei weiteren Siemens-Rechnern im Keller des Olympiastadions. Zwei davon waren ständig im Einsatz, der dritte stand als Reserve bereit. Einer der Rechner war mit 48 Außenstellen verbunden und sammelte die Wettkampfdaten, der andere bereitete Ergebnisse für die Anzeigetafeln und Statistiken auf. Die Zeit- und Weitenmessung erfolgte elektronisch, unter anderem mit Technik von Junghans und Longines.

Dass trotz aller Computertechnik noch lange nicht alles digital war, zeigt eine andere Zahl: Zusätzlich standen den Organisatoren und Journalisten 6.700 Schreibmaschinen der Marke Olympia zur Verfügung. Ausgerechnet bei den Olympischen Spielen machte die gleichnamige Büromaschinenfirma damit ihrem Namen alle Ehre.

Nach den Spielen verschwanden die Siemens-Rechner wieder aus München. Was aus GOLYM wurde, ist nicht ganz geklärt. Laut dem Heinz Nixdorf MuseumsForum soll die Anlage anschließend sogar in die Sowjetunion verkauft worden sein. Belegt ist das allerdings nicht.

Damit hatten die Münchner 1972 etwas geschaffen, das heute ganz selbstverständlich ist: Man stellte einem Computer eine Frage und bekam eine Antwort aus einer Datenbank. Nur musste man dafür noch persönlich zu einer Auskunftsstelle gehen. GOLYM war also gewissermaßen Google ohne Internet. Und wenn die Antwort nicht gefiel, konnte man sich wenigstens noch beim Mitarbeiter beschweren.

Author: TS

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