Village News – die Dorfnachrichten

All the news that fit to print… Das Leitmotto für die New York Times gilt bis heute und auch 1972 in München sollten die Bewohner des Olympischen Dorfes regelmäßig auf dem Laufenden gehalten werden. 

Die Herausgabe einer „Dorfzeitung“ war bei vorherigen Spielen zum Standard geworden und auch München plante – relativ spät – die Herausgabe einer Dorfzeitung. Walther Tröger, der Bürgermeister des Olympischen Dorfes, setzte die Idee durch und um. 

Ganze vier Wochen vor den Spielen bekam die Idee Kontur. Der Herbrecht Verlag (Herausgeber des damals populären „Sport Kurier) erklärte sich bereit, das Projekt zu übernehmen.  Die Zeitung erschien dreisprachig : Deutsch, englisch und französisch in einer Auflage von  je 8- bis 10.000 Exemplaren. Da in  München die Druckkapazitäten ausgelastet waren, wurde in Augsburg gedruckt.
Wie in einer „normalen“ Zeitungsredaktion war der Zeitplan eng. Morgens war Redaktionskonferenz, Redaktionsschluss am frühen Abend. Die Texte mussten danach übersetzt und gesetzt werden. Im Anschluss wurde das Material  nach Augsburg gebracht. Die Redaktion selbst war im Verwaltungsgebäude des Dorfes untergebracht. Jedes Exemplar der Village News war acht Seiten stark – mit Ausnahme der zweiten Ausgabe (12 Seiten) und insgesamt erschienen 17 Exemplare im Zeitraum vom 23. August – 11. September. Ziel der „Village News“ war es, zu unterhalten und zu informieren.

Und natürlich waren Schlagzeilen in den „Village News“ wichtig: „Es wird viel geklaut“ (Ausgabe 8) oder „Anbandeln im Dorf – aber wie?“ (Ausgabe 2). Auch der Zaun zwischen Männer- und Frauendorf war einen Aufmacher wert „Die drahtige Sex-Bremse“. Besser hätten Bild oder Abendzeitung nicht titeln können. 

Aber auch die Stadt München sollte den Bewohnern des Dorfes schmackhaft gemacht werden:Rainer Herbrecht verantwortete die Kolumne „München wo es am schönsten ist“. In ihr wurde den Athleten z.B. die Frauenkirche, der Zoo, der Viktualienmarkt, die Brunnen der Stadt und natürlich die Biergärten sowie andere Sehenswürdigkeiten vorgestellt.

Auch über prominenten Besuch im Dorf wurde berichtet. Natürlich schnupperten Willy Brandt, Walther Scheel oder Avery Brundage „Dorfluft“.

Walther Tröger wandte sich regelmäßig in einem Brief  an die Bewohner und ging väterlich auf größere und kleinere Probleme im Dorf ein: Im Dorf sei man bemüht, Probleme zu lösen, aber das Organisationskomitee befände sich in der Saarstraße 7. Sportler sollen bitte beim Betreten der Mensa ihre Essenscoupons bereithalten und sich nicht gewaltsam Zugang verschaffen und Besucher des Dorfes sollen sich bitte daran halten, einen Besucherausweis zu beantragen. Und Bitte: Auch wenn im „Dorfkino“ ein Terrence Hill und Bud Spencer Film läuft: bei allem Andrang nicht die Türen aus den Angeln heben und das Kino stürmen!!! 

Tröger bekam zudem Verstärkung von „Lympi“ dem Maskottchen der Village News, einem strubbeligen Hund: Waldi hatte offenbar keine Zeit und so bekam der Hund  Lympi eine Kolumne, in der er Preise in der Ladenstraße verglich oder auch die Athleten der Welt ermahnte, ihren Müll zu entsorgen oder über das Wetter sinnierte oder den Angehörigen der Bundeswehr für ihren Einsatz bei den Spielen dankte. 

Obgleich die Spiele von München relativ werbefrei waren, tauchten in den „Village News“ viele Werbeanzeigen auf – anders ließ sich das relativ kurzfristig ins Leben gerufene Projekt wohl nicht finanzieren. Natürlich war das Attentat  Thema in der Zeitung. So war der Aufmacher der Zeitung am 06. September „Terror im Olympischen Dorf“ und am 07. September titelte die Zeitung  noch „Zwischen Trauer und Hoffnung“, druckte die Reden der Trauerfeier ab und ließ einige Athleten zu Wort kommen. 

Täglich wurde natürlich auf das Musikprogramm in der Dorfdisco und das Filmprogramm hingewiesen. Geburtstagskinder wurden genannt  (sie erhielten eine Münze geschenkt) und über das „Dorfpersonal“ wurde berichtet: so hatte der Zahnarzt im Dorf regen Zulauf aber auch der Dorfschuster konnte sich nicht über mangelnde Arbeit beklagen.

In ihrer letzten Ausgabe titelte die Zeitung „Auf Wiedersehen“ und vielleicht kommen die Spiele ja tatsächlich wieder nach München. 

Allerdings wird es voraussichtlich dann keine Dorfzeitung mehr geben. Die Tradition einer Dorfzeitung wurde lange Zeit fortgeführt, letztmalig erschien eine Publikation, die das Dorfleben begleitete, in Pyeongchang 2018.

Author: Thomas Bodammer

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert